1. Alle zwei Jahre...
  2. Die Idee
  3. Der Hof
  4. Der Umbau
  5. Die Band
  6. Das Konzert

Die Verwandlung

Ein Bauernhof wird zur Rock-Arena

Die Verwandlung
Ein Bauernhof wird zur Rock-Arena
Alle zwei Jahre...

... verwandelt sich der Obere Schwärzenbachhof im Gengenbacher Ortsteil Reichenbach in ein Konzert-Gelände. BAP-Schlagzeuger Jürgen Zöller macht den Schwarzwaldhof dann zum "Little Woodstock". Doch zuvor ist schweißtreibende Handarbeit angesagt: Tagelang schrauben, hämmern und kneten viele Helfer der Großfamilie Sester, bis sie ihre Hoftore für rund 700 Rockfans öffnen können. BO.de hat bei den Arbeiten über die Schultern geschaut und mit Organisatoren, Musikern und Besuchern gesprochen. Erleben Sie die Verwandlung des Bauernhofes in eine Konzertarena jetzt in unserer multimedialen Reportage.

Die Idee

BAP-Schlagzeuger Jürgen Zöller ist bereits seit Jahren zu Gast auf dem Hof der Sesters, als sie ins Gespräch kommen. Beim gemütlichen Plausch am Lagerfeuer spinnen Josef und vor allem Irene Sester zusammen mit dem Musiker den Gedanken: Ein Rock-Konzert im Schatten des Kinzigtäler Mischwaldes!

Nur: Kann man so ein Ereignis überhaupt auf dem Hof steigen lassen? Wie kommen die Besucher in das abgelegene Tal? Was muss man sonst noch beachten? Fragen über Fragen, die die Familie vorab klären muss. "Mittlerweile fangen wir mit den Planungen etwa um Ostern an", erzählt Irene Sester. Die Bands müssen sogar noch früher kontaktiert werden: "Habt ihr überhaupt Zeit?"

Doch das Projekt Rock auf'm Hof ist schnell nicht nur eines der Familie Sester, sondern eines des ganzen Ortes. "Die Reichenbacher fühlten sich angestachelt, etwas auf die Beine zu stellen", erinnert sich Alex Drienko, Schwiegervater von Jürgen Zöller. Ob Feuerwehr oder Vereine, ein ganzes Dorf zieht an einem Strang. 

Nachdem die Sesters mit einigen Flyern auf ihr Konzert aufmerksam gemacht hatten, konnte die erste Ausgabe von Rock auf'm Hof, damals noch mit dem Zusatz "Rock'n'Soul Summer on the Farm", am 15. August 2010 über die Bühne gehen.

Vieles hat sich seit jenem 15. August zwar eingespielt, die Organisation geht nun etwas leichter von der Hand. Trotzdem, die Familie ist sich sicher: Rock auf'm Hof bleibt eine Herausforderung.

Der Hof

Biegt man auf der Landesstraße 99 aus Ohlsbach kommend kurz vor Gengenbach nach links ab, führt die schmale Straße vorbei an grünen Wiesen, dem sanft dahin plätschernden Schwärzenbach und entspannt grasenden Kühen. Auf den Schwarzwaldhöfen, die den Weg ans Ende des Tals säumen, empfangen die Familien Feriengäste. Neben etwas Vieh- und Forstwirtschaft, dem Angebot von Bränden und Honig, ist das die Haupterwerbsquelle im Tal.

Nach rund viereinhalb Kilometern endet die Straße: Willkommen auf dem Oberen Schwärzenbachhof! Hündin Emmi beäugt neugierig jeden ankommenden Gast. Dumpfes Klopfen zeugt davon, dass hier erste Arbeiten für das Konzert fünf Tage später laufen. Doch ansonsten dominiert die Idylle eines Schwarzwaldhofes im Herbst, wie man mit einem Blick von der Anhöhe hinter den Gebäuden feststellen kann.

65 Hektar bewirtschaften die Sesters rund um ihren Hof, das Gelände ist also größer als die Münchner Theresienwiese, auf der jedes Jahr das Oktoberfest stattfindet. Einst hatte das Areal dem Kloster gehört, bevor es die Mönche im 19. Jahrhundert abgeben mussten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Familie Sester, die auf der anderen Seite der Hügelkette den gleichnamigen Hof betrieb, in den Besitz des Oberen Schwärzenbachhofs. Josef und Irene Sester betreiben ihn nun in zweiter Generation, mit zwei Töchtern und einem Sohn wächst gerade die nächste Generation heran.

Wer über den Hof schlendert, kann sich kaum vorstellen, dass hier in wenigen Tagen das Dröhnen der Bass-Gitarren das Zwitschern der Vögel überlagern wird. Kleine Kätzchen, die zwischen den massiven Holzbänken herumturnen. Eilig vorbeistolzierende Hühner. Auch Schweine haben hier auf dem Hof schon ein Konzert miterlebt. Es scheint wie eine Welt aus den "Heidi"-Kinderbüchern am Ende des Schwärzenbachtals.

Doch schon wenig später wird sich das ändern, denn die Vorbereitungen für die Verwandlung des Hofes sind bereits in vollem Gange.

Der Umbau

Drei Tage nach dem ersten Besuch hat sich auf dem Oberen Schwärzenbachhof einiges getan. Metallstangen, die einmal das Gerüst für die Bühne bilden sollen, liegen im Schatten des Haupthauses. Eine Handvoll Helfer karrt die massiven Teile der Biertheke eine kleine Anhöhe hinauf, der Schweiß fließt. "Als Konzertbesucher sieht man später nicht, um welche kleinen Details man sich auch kümmern muss", sagt einer und schnauft durch.

Ohne das kleine Team aus Verwandten und Freunden könnten die Sesters das Ereignis nicht stemmen. An allen Ecken des Hofes wird jetzt gehämmert, geknotet und gewischt. Der kleine Stand, an dem später Wein ausgeschenkt werden soll, ist noch ein Gerippe. Josef Sester wischt sich den Schmutz von den Fingern - aber als Hofbauer, wie er sich selbst bezeichnet, gehört das dazu.


Von all dem Trubel lässt sich eine nicht stören: Anni Bätza, Schwiegermutter von Josef Sester, ist die gute Seele des Hofes. Konzentriert blättert sie in der Zeitung aus ihrer Heimat, der Kleinstadt Schlitz nahe Fulda. Ein paar Wochen im Jahr ist sie zu Gast auf dem Schwärzenbachhof. Sie freut sich über die jungen Leute, die sie nun um sich hat. Und wenn sie gebraucht wird, hilft sie gerne mit: Am Nachmittag wird sie frischen Kaffee für die Helfer brühen.


Der Duft von brennendem Holz treibt den Beobachter des Treibens zu einem großen Ofen, unter dem bereits die Glut klimmt. Noch etwas Salz und Hefe zu dem Mehl, dann setzt sich die große Rührmaschine dröhnend in Bewegung: Ganz klar, hier wird Brot gebacken!

Gegen Abend kommt der Aufbau der Bühne richtig in Gang. Die schweren Boxen müssen aufeinander gestapelt werden und genauso, wie das Gerüst für die Scheinwerfer, später sicher stehen. Tonmann "Kaili" rollt die Kisten aus dem Laderaum seines Transporters. Nachdem die Soundanlage vor zwei Jahren dem Ansturm der Besucher nicht gewachsen war, hat er dieses Mal eine andere dabei. Mehr Power, damit jeder Gast gut hören kann - das ist seine Hoffnung.


Endlich! Gegen Mitternacht ist es geschafft. Die Bühne steht, das Licht stimmt. Auf dem Oberen Schwärzenbachhof kann nun Ruhe einkehren - vorübergehend. Denn wenige Stunden später haben satte Gitarrenriffs und Jürgen Zöller am Schlagzeug auf dem Hof das Sagen.

Die Band

Einen Tag vor dem großen Auftritt sitzt Zöller mit seinen Kollegen etwas versteckt in einem Raum neben der Bühne. Doch die Musik weist den Weg: Proben ist angesagt! Er tauscht sich mit Gastsängerin Nicatea alias Domenica Swoboda aus. Die Lieder beherrscht Zöller zwar aus dem Eff Eff, aber ein wenig Übung ist nötig. "Wir spielen ja nicht ständig zusammen", erklärt Gitarrist Christof Stein-Schneider, bis zu deren Auflösung Mitglied der Rockband "Fury in the Slaughterhouse".


Eigentlich ist Jürgen Zöller Auftritte in großen Hallen gewohnt. Nicht 700 sondern 7000 Zuschauer. Seit 1987 war er als Schlagzeuger mit der Kölschrock-Band BAP in Europa und darüber hinaus unterwegs. Mit BAP ist zwar jetzt Schluss, nicht jedoch mit seiner Band Zöller Network. In wechselnder Besetzung zieht die Band durch die Lande, im Gepäck alte Rockklassiker, neu interpretiert. Was aber hat den 66-Jährigen dazu bewogen, die Konzerthalle mit dem idyllischen Bauernhof zu tauschen? Es ist die einmalige Atmosphäre, die ihn so beeindruckt hat.

Mit dem Oberen Schwärzenbachhof kam Zöller, der mittlerweile in Karlsruhe lebt, durch Zufall in Kontakt. Auf der Suche nach einem Feriendomizil für sich und seine Familie wurde er in Reichenbach fündig. Als Stammgast hat er längst Freundschaft mit den Sesters geschlossen.


Einmal noch gibt Jürgen Zöller den Takt vor. Mit einem kräftigen Gitarrenriff stimmt Lyle Närvänen, einst einer der Leningrad Cowboys, mit ein. Die Stimme des bulligen Sängers Olli Roth klingt wie geölt - der Auftritt kann kommen.

Das Konzert

Stargast Jürgen Zöller hat sich in Schale geworfen. Enstpannt schlendert er über den abgesperrtenn Teil des Hofes - reserviert für Familie, Musiker und Helfer. Dass er zusammen mit seinen Bandkollegen gleich ein paar Meter weiter auf der Bühne stehen wird, merkt man ihm nicht an. Von Lampenfieber keine Spur, aber ein wenig Kribbeln im Bauch spürt er schon. Noch einen Schnappschuss mit den Kameraden der Reichenbacher Feuerwehr, dann geht es los.


Etwa vier Stunden zuvor waren die Besucher zu Hunderten auf den Schwärzenbachhof geströmt. Mit viel Geschick steuerte ein Bus die engen Wege nach hinten ins Tal, einige Liebhaber von Rockmusik hatten den strahlenden Sonnenschein aber auch für eine kurze Wanderung zum Hof genutzt. Als zum Auftakt die Band Mainstreet Coverversionen verschiedener Rockklassiker präsentierte, hatten es sich die Besucher bereits auf einem der vielen Strohballen gemütlich gemacht. 

Auch an den Verpflegungsständen hat sich da schon eine Menschentraube gebildet. Selbst gebackenes Brot, Obstbrände oder die "Rockwurst" - was darf es sein? Die Rockfans sind hungrig geworden. Was hinter der eigens für das Konzert hergestellten Bratwurst steckt, verrät Hofbauer Josef Sester.


Zöller bahnt sich den Weg durch die Fans, die sich schon ungeduldig vor der Bühne versammelt haben. Als er zusammen mit der Familie Sester die Bretter betritt, weicht das angeregte Geplauder begeisterten Jubel. Rock auf'm Hof Nummer Drei ist eröffnet! Für das Konzert haben Zöller und seine Bandkollegen eine feine Auswahl an Klassikern der Rockgeschichte neu interpretiert. "Little Woodstock" eben.


Nach Einbruch der Dunkelheit, als Jürgen Zöller mit seiner Band auf der Bühne steht, bleibt für Josef Sester Zeit zum Durchatmen. "Jetzt läuft`s", sagt er erleichtert. Nicht alles lief an diesem Abend perfekt. Aber nun kann er sich zurücklehnen. Nun ja, fast jedenfalls. Schon hat er die Taschenlampe in der Hand und ist auf dem Weg, um oberhalb des Hauses nach dem Rechten zu sehen. Es gibt eben immer etwas zu tun auf dem Hof.

Doch irgendwann in den nächsten Tagen, wenn Josef Sester und seine Helfer "Little Woodstock" wieder zum Oberen Schwärzenbachhhof gemacht haben, wird auch der 66-Jährige die aufregenden Momente in der Hofidylle Revue passieren lassen können. Bis zum nächsten Mal...

Archivfotos: Marc Faltin, Marco Karch